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Bin ich hochsensibel?

By No Comments9 min read
Sandra Agel, Beraterin für hochsensible Frauen mit einer Tasse Kaffee

Bin ich hochsensibel? 

Symptome, Anzeichen und meine ganz persönliche Geschichte 

Ich war vielleicht acht, als meine Mutter mir einen Teller mit Pudding hinstellte und ich in Panik ausbrach, weil sich oben diese schreckliche Haut gebildet hatte. „Iss doch einfach drumherum“, sagte sie. Konnte ich nicht. Diese Haut musste weg, komplett, sonst war der ganze Pudding für mich gestorben. Milchhaut sowieso, das ging gar nicht und beim Honigbrot musste die Kruste ab, immer, sonst hab ich lieber gar nichts gegessen.

Meine Familie fand das anstrengend. Ich fand meine Familie anstrengend, weil sie nicht verstand, warum das für mich wichtig war.

Dazu kam: Ich wollte nur bestimmte Farben anziehen. Manche Kleidungsstücke fühlten sich einfach falsch an, an der Haut, im Kopf, überall. 

Gleichzeitig war ich das Kind, das stundenlang in seiner eigenen Welt versunken war. Geschichten ausgedacht, aufgeschrieben, gemalt, mit einer Intensität, die selbst mir manchmal komisch vorkam. Ich hab nicht einfach gespielt, ich bin in dieses Spiel komplett eingetaucht.

Erwachsen werden heißt: erstmal alles wegdrücken

Dann wird man älter und merkt: In dieser Gesellschaft will niemand empfindlich sein. Empfindlich klingt nach nicht belastbar, nach Weichei, nach „stell dich nicht so an“. Also hab ich das Ganze eine Zeit lang einfach weggedrückt. Ich habe funktioniert, abgeliefert, alles bis zur Erschöpfung durchgezogen.

Nur: Da war diese Geräuschempfindlichkeit und das intensive Mitfühlen mit anderen war immer noch da, manchmal so stark, dass ich gar nicht mehr wusste, welches Gefühl eigentlich meins war und welches ich mir gerade von jemand anderem eingefangen hatte. Das Rückzugsbedürfnis nach ganz normalen Tagen war immer noch da.

Dieses tiefe Wohlgefühl in der Natur, dieses Gespür für Ästhetik, diese Kreativität, die einfach nicht aufhören wollte, sprudelnde Ideen zu produzieren, alles war noch da.

Irgendwann fiel mir auf, dass das bei anderen um mich herum offenbar nicht so war. Die konnten in einem vollen Café sitzen und quatschen, während ich innerlich schon die Fluchtroute geplant hatte.

Der Punkt, an dem es konkret wurde, war ein Gespräch mit einer Freundin, selbst hochsensibel, die einfach mal sagte: „Das gibt’s, das hat einen Namen, und man kann das sogar testen.“

Also hab ich getestet. Nicht einmal, nicht zweimal. Rund zwanzig verschiedene Online-Tests und Selbsteinschätzungen hab ich durchgearbeitet, weil ich es genau wissen wollte. Das Ergebnis war jedes einzelne Mal: eindeutig hochsensibel.

Was steckt eigentlich dahinter? Ein kurzer fachlicher Ausflug

An dieser Stelle darf ich kurz meine Heilpraktiker-Brille aufsetzen, denn Hochsensibilität ist kein Gefühl, das man einfach mal hat, sondern eine wissenschaftlich untersuchte Eigenschaft des Nervensystems. Geprägt hat den Begriff die Forscherin Elaine Aron, die vier zentrale Merkmale beschrieben hat, das sogenannte DOES-Modell. Alle vier müssen zutreffen, damit man wirklich von Hochsensibilität sprechen kann. 

D wie Tiefe der Verarbeitung. Du denkst nicht einfach drauflos, du wälzt, verknüpfst, siehst drei Ebenen einer Situation gleichzeitig. Bei mir hat sich das schon als Kind gezeigt, in diesen stundenlang ausgesponnenen Geschichten, in denen jede Figur, jedes Detail durchdacht war. Heute zeigt sich das eher so: Bevor ich eine Entscheidung treffe, hab ich sie im Kopf schon von vorne bis hinten durchgespielt, während andere längst losgelaufen sind.

O wie Overstimulation. Zu viel, zu laut, zu voll, und das System macht dicht. Meine Kindheitsvariante: Hände an den Ohren in der lauten Turnhalle. Meine Erwachsenenvariante: nach einem eigentlich ganz normalen Tag mit ein paar Terminen fühle ich mich so leer, als hätte ich einen Marathon hinter mir. Kennst du das, dieses Gefühl, dass der Stecker gezogen wurde, obwohl objektiv gar nicht so viel passiert ist?

E wie emotionale Reaktivität und Empathie. Du fühlst mit, bevor jemand ein Wort gesagt hat. Du merkst die Stimmung im Raum, bevor sie ausgesprochen wird. Das ist schön und anstrengend zugleich, weil du ständig zwischen deinen eigenen Gefühlen und denen der anderen sortieren musst.

S wie Sensibilität für Feinheiten. Hier sind sie wieder, meine Puddinghaut und meine Brotkruste. Diese Ablehnung war keine Marotte, sondern eine echte, körperlich spürbare Reaktion auf Textur, Konsistenz, Reiz. Die andere Seite von S ist die schöne: das tiefe Naturempfinden, das Gespür für Farben, Ästhetik, Kreativität, das bei mir schon als Kind in Form von Geschichten und Bildern rausgesprudelt ist und bis heute nicht aufgehört hat.

Und jetzt? Du hast den Namen, aber was machst du damit

Wenn du dich gerade in ein, zwei oder gleich allen vier Punkten wiedergefunden hast: Herzlichen Glückwunsch, du hast gerade den ersten Schritt gemacht. Aus „Ich bin irgendwie komisch” wird „Ich funktioniere anders, und dafür gibt es eine gute Erklärung”.

Der nächste Schritt ist unangenehmer, denn Wissen allein verändert noch nichts. Die eigentliche Arbeit liegt darin, dein Leben, deinen Job und deinen Alltag so umzubauen, dass dein Nervensystem nicht permanent gegen dich läuft, sondern mit dir. Das lässt sich in vier konkreten Bereichen angehen.

1. Reizmanagement:

Dein Nervensystem braucht Steuerung. Die meisten hochsensiblen Menschen versuchen jahrelang, sich zusammenzureißen. Das funktioniert nicht, weil Überstimulation kein Willensproblem ist, sondern eine neurologische Reaktion. Was tatsächlich hilft:
Pufferzeiten als Termin im Kalender fest einplanen: mindestens 15 bis 20 Minuten zwischen Meetings oder Kundenkontakten. Dein System braucht diese Zeit, um Reize zu verarbeiten, die es während des Termins aufgenommen hat, sonst stapeln sie sich.

Reizarme Rückzugsorte finden, im Büro genauso wie zu Hause. Ein Ort ohne Bildschirm und Handy, ohne Gespräch, ohne Aufgabe, und sei es nur für fünf Minuten.

Sensorische Trigger konkret benennen: Ist es Lärm, grelles Licht, Enge, Gerüche? Wer weiß, was ihn belastet, kann vorher gegensteuern, z.B. mit Kopfhörern, mit der Wahl des Sitzplatzes, mit einer bewusst kürzeren Anwesenheit bei lauten Events.

Erholung planen, bevor die Erschöpfung da ist. Hochsensible Menschen neigen dazu, erst zu pausieren, wenn gar nichts mehr geht. Erholung sollte vorbeugend passieren. Plane sie am besten in deinen Tag, in deine Woche ein.

2. Energie- und Grenzmanagement im Job

Gerade in Führungspositionen und sozialen Berufen ist die größte Falle, dass Belastbarkeit mit Funktionieren verwechselt wird. Du kannst funktionieren und trotzdem innerlich längst über der Kapazitätsgrenze sein.

Grenzen konkret und frühzeitig formulieren, nicht erst, wenn du schon erschöpft bist. Ein Satz wie „Ich brauche zwischen den beiden Terminen zehn Minuten Puffer” kann helfen, den Tag gut zu gestalten.

Entscheidungen nicht in Reizüberflutung treffen. Wenn dein System gerade überlastet ist, triff keine wichtigen Entscheidungen, das Ergebnis ist selten gut. Verschiebe bewusst oder schlafe einmal drüber.

Deine Rolle als Zuhörerin bewusst begrenzen. Wenn Kolleginnen und Kollegen dir regelmäßig ihre Probleme anvertrauen, weil du so gut zuhörst, ist das ein Kompliment und gleichzeitig ein Energieverlust, wenn es nicht begrenzt wird. Zeitlich und emotional Grenzen setzen ist für dein persönliches Energiemanagement sehr wichtig.

Erwartungsmanagement bei dir selbst. Der Anspruch, alles perfekt und für alle gleichzeitig zu leisten, ist bei Hochsensiblen besonders ausgeprägt, weil Fehler und Kritik intensiver verarbeitet werden. Das ist ein eigenes Thema, das man gezielt bearbeiten kann.

3. Emotionale Abgrenzung: mitfühlen, ohne unterzugehen

Hohe Empathie ist eine Stärke, aber ohne Abgrenzung wird sie zur Belastung, weil du ständig fremde Gefühle mit deinen eigenen vermischst.

Die Frage „Ist das meins?” vor jeder starken Emotion stellen. Kommt das Gefühl aus der Situation, die gerade mich betrifft, oder hab ich es gerade von jemand anderem übernommen?
Körperliche Distanz als Regulationswerkzeug nutzen. Ein paar Schritte weggehen, kurz an die frische Luft, reicht oft schon, um aus der Verschmelzung mit fremden Emotionen rauszukommen.

Nach belastenden Gesprächen bewusst „abschließen”, zum Beispiel durch eine kurze Bewegungseinheit, Atemübung oder ein Ritual, das deinem Nervensystem signalisiert: Diese Situation ist vorbei.

4. Deine Stärken gezielt einsetzen, statt sie zu unterdrücken

Tiefes Denken, Kreativität und Empathie sind in verantwortungsvollen Positionen enorm wertvoll, aber nur, wenn du sie steuerst, statt dich von ihnen steuern zu lassen.

Zeitfenster für Tiefenarbeit schaffen, in denen du ungestört analysieren, planen oder kreativ arbeiten kannst, statt diese Fähigkeit nebenbei in einem vollen Tag zu verschwenden.

Deine Wahrnehmungsschärfe strategisch nutzen. Du merkst Stimmungen, Risiken und Zwischentöne oft früher als andere, das ist in Führung und Beratung ein echter Vorteil, wenn du ihn bewusst einbringst statt ihn für dich zu behalten.

Das sind erste Ansatzpunkte,mit denen sich in der Praxis tatsächlich etwas verändert. Aber ehrlich gesagt: Allein, aus einem Blogartikel heraus, lässt sich das selten konsequent umsetzen, weil die Muster oft tief sitzen und jede hochsensible Frau ihre eigene Mischung aus diesen vier Bereichen mitbringt.

Genau dafür gibt es meine Angebote: eine 1:1 Beratung, wahlweise kombiniert mit Yoga, einzelne Yogakurse, die speziell auf hochsensible Nervensysteme abgestimmt sind, meine Fortbildungen zu Hochsensibilität und ADHS oder mein 10-Wochen-Gesundheits-Programm für Hochsensible, das Theorie und Praxis miteinander verbindet, damit du nicht nur verstehst, was mit dir los ist, sondern auch, was du konkret damit machst.

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Sandra Agel
Praxishaus am Weinberg
Herrnbergstraße 67
65201 Wiesbaden

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