Ist Hochsensibilität eine psychische Störung?
Für alle, die sich fragen: „Stimmt etwas nicht mit mir?“
Eine wichtige Klarstellung für alle hochsensiblen Menschen
Vielleicht hast du es auch schon gehört oder gelesen: Hochsensibilität sei eine psychische Störung, die man diagnostizieren und „heilen” müsse. Als hochsensibler Mensch, der sich oft erschöpft und überlastet fühlt, kann diese Aussage verunsichern oder sogar Hoffnung wecken, denn wenn es eine Störung ist, gibt es vielleicht auch eine Heilung, oder?
Lass mich dir gleich zu Beginn die wichtigste Botschaft mitgeben: Hochsensibilität ist keine psychische Störung. Sie ist ein völlig normales Persönlichkeitsmerkmal.
Und genau das schauen wir uns jetzt genauer an.
Hochsensibilität – ein Persönlichkeitsmerkmal wie viele andere auch
Stell dir vor, jemand würde behaupten, Introversion sei eine Krankheit, die man heilen müsse oder Gewissenhaftigkeit oder Kreativität. Absurd, nicht wahr? Genauso verhält es sich mit Hochsensibilität.
Menschen unterscheiden sich in vielen Persönlichkeitsmerkmalen:
- Manche sind extravertiert, andere introvertiert
- Manche sind sehr offen für neue Erfahrungen, andere bevorzugen Vertrautes
- Manche sind besonders gewissenhaft, andere spontaner
Und manche Menschen sind eben sensibler als andere. Sie nehmen mehr wahr, verarbeiten tiefer und reagieren stärker auf Reize.
Die Forschung zeigt uns, dass Sensibilität auf einem Spektrum liegt. Jeder Mensch hat eine gewisse Sensibilität, nur in unterschiedlichem Ausmaß. Du bist nicht „krank”, weil du am empfindsameren Ende dieses Spektrums stehst. Du bist einfach anders veranlagt.
Die biologische Grundlage: Hochsensibilität gibt es nicht nur bei Menschen
Besonders faszinierend ist die Tatsache, dass Wissenschaftler unterschiedliche Sensibilitätslevel auch in der Tierwelt gefunden haben. Auch dort gibt es Tiere, die empfindlicher auf ihre Umgebung reagieren als ihre Artgenossen.
Das deutet darauf hin, dass Hochsensibilität eine biologische Grundlage hat und sich im Laufe der Evolution erhalten hat. Dies geschah vermutlich, weil sie eine wichtige Rolle für die Anpassung an die Umwelt spielt. Sensible Individuen nehmen Gefahren früher wahr, erkennen subtile Veränderungen und tragen so zum Überleben der Gruppe bei.
Mit anderen Worten: Deine Hochsensibilität ist kein Fehler der Natur. Sie hatte und hat einen Sinn.
Aber warum fühle ich mich dann oft so belastet?
Jetzt fragst du dich vielleicht: „Wenn Hochsensibilität normal ist, warum leide ich dann so darunter? Warum bin ich ständig erschöpft, gestresst und überfordert?”
Das ist eine absolut berechtigte Frage und an dieser Stelle wird es wichtig zu differenzieren.
Hochsensibilität selbst ist keine Störung – aber sie kann das Risiko erhöhen
Hochsensible Menschen haben tatsächlich ein erhöhtes Risiko, psychische Belastungen oder Störungen zu entwickeln, besonders wenn sie widrige Umstände erleben.
Dazu gehören:
- Chronischer Stress
- Wenig Verständnis im Umfeld
- Reizüberflutung im Alltag
- Fehlende Rückzugsmöglichkeiten
Unter solchen Bedingungen können hochsensible Menschen eher Ängste oder Depressionen entwickeln als weniger sensible Menschen. Aber… und das ist entscheidend… nicht die Hochsensibilität ist dann die Störung, sondern die Reaktion auf ungünstige Lebensumstände.
Das übersehene Entwicklungstrauma
Ein Punkt, der mir in meiner Arbeit immer wieder begegnet, ist besonders wichtig: Viele hochsensible Menschen wurden in ihrer Kindheit nicht in ihrer Sensibilität erkannt oder wurden sehr unsensibel begleitet.
Vielleicht hast du Sätze gehört wie:
- „Stell dich nicht so an!”
- „Du bist viel zu empfindlich!”
- „Das bildest du dir nur ein!”
Wenn deine Hochsensibilität als Kind nicht gesehen und gewürdigt wurde, wenn du das Gefühl hattest, mit deinen Wahrnehmungen und Bedürfnissen falsch zu sein, kann sich ein sogenanntes „Entwicklungstrauma“ bilden.
Das Tückische daran: Die Symptomatik eines solchen Traumas überschneidet sich stark mit den Merkmalen von Hochsensibilität. Deshalb ist es an dieser Stelle sehr schwer zu diagnostizieren, was genau die Ursache deiner aktuellen Belastungen ist. Bist du „nur” hochsensibel und in einem ungünstigen Umfeld? Oder trägst du zusätzlich ein Trauma aus deiner Kindheit mit dir?
Diese Unterscheidung ist wichtig für deinen Heilungsweg, auch wenn Hochsensibilität selbst nicht „geheilt” werden kann und muss.
Die Abgrenzung zu anderen Diagnosen
Vielleicht hast du dich auch schon gefragt, ob deine Symptome nicht vielleicht doch auf ADHS, ADS oder eine Autismus-Spektrum-Störung hindeuten könnten. Das ist verständlich, denn bei all diesen Diagnosen spielt eine erhöhte sensorische Empfindlichkeit eine Rolle.
Aber: Es gibt klare Unterschiede in der gesamten Symptomatik. Hochsensibilität allein erfüllt nicht die diagnostischen Kriterien dieser Störungen. Wenn du unsicher bist, kann eine professionelle Abklärung hilfreich sein, aber lass dich nicht vorschnell pathologisieren.
Was bedeutet das jetzt für dich?
Du darfst aufatmen: Du bist nicht krank. Du musst nicht „geheilt” werden.
Aber du darfst dir Unterstützung holen. Du darfst lernen, besser mit deiner Hochsensibilität umzugehen. Du darfst herausfinden, welche Lebensumstände dir guttun und welche dich belasten.
Hochsensibilität ist keine Störung, aber sie braucht einen achtsamen Umgang.
Das bedeutet:
- Deine Grenzen zu kennen und zu schützen
- Reizarme Zeiten bewusst einzuplanen
- Dich in einem Umfeld zu bewegen, das deine Sensibilität wertschätzt
- Wenn nötig: Traumata aus der Vergangenheit aufzuarbeiten
- Strategien zu entwickeln, um mit Stress und Überforderung umzugehen
Deine Hochsensibilität ist Teil von dir. Sie macht dich zu dem Menschen, der du bist – mit all deiner Tiefe, deiner Empathie, deiner Wahrnehmungsfähigkeit.
Es geht darum, ein Leben zu gestalten, in dem du mit deiner Sensibilität gut leben kannst.
Und das ist möglich. Versprochen.
Wenn du Unterstützung dabei brauchst, besser mit deiner Hochsensibilität umzugehen und herauszufinden, was dir wirklich guttut, bin ich für dich da.



