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Die Schokoladenfrau in mir sagt: „Du hast dir das verdient.“ – emotionales Essen als Belohnung

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Die Schokoladenfrau auf meiner inneren Couch

In mir drin wohnt eine Schokoladenfrau. Sie sitzt auf meiner inneren Couch und trällert ihren Lieblingsslogan: „Komm Mädel greif zu. Das Leben ist ein Zuckerschlecken.“

Meist treffe ich sie, wenn ich im Supermarkt versuche, ganz unauffällig an dem Regal mit den Süßwaren vorbei zu schleichen.

Dann tippt sie mir ganz sanft von hinten auf die Schulter und sagt :“ Kuck mal da, diese Schokolade…sieht sie nicht verlockend aus?“

So ein Mist, sie hat recht“, denke ich und betrachte voller Sehnsucht und Verlangen die neueste Super Caramel Nuts extra creamy Schokopower in dieser wahnsinnig ästhetischen Verpackung – hmmm mir läuft schon das Wasser im Mund zusammen während ich das schreibe.

Mein inneres Team ist sich erstaunlich einig

Und es geht los:

  • Die letzte Woche war echt hart und dafür kann man sich dann auch mal belohnen“, weiß Miss Sporty Girl
  • Schau mal: du hast alles alleine gemacht, weil sämtliche Kollegen krank waren und die Führungsriege war mal wieder im Urlaub“, schreit Frau mieser Job
  • Dann war doch auch noch dein Auto in der Werkstatt und du musstest Busfahren“ jammert Lady „Das geht echt gar nicht“.

Und zack….ich bin überzeugt.

Jaaaa, das kann man ja auch schon mal machen…ich kaufe die jetzt einfach und sie hält dann für die nächsten zwei Wochen“, erkläre ich mir selbstbewusst. „Das kommt ja auch nicht so häufig vor.“…nö ist klar!!

Long story short: Zwei Tage später ist sie leer.

Aber das kann ich zu diesem Zeitpunkt natürlich noch nicht wissen, da ich eine Meisterin der Selbstverleugnung bin und Überzeugungskraft besitze, wenn es darum geht mir „süße Auszeiten zu gönnen“.

Aber mal ehrlich…das geht doch nicht nur mir so, oder?

Wie ist das eigentlich mit unserem Drang uns mit Süßkram zu belohnen? Woher kommt der eigentlich und warum machen wir das?

Alles eine Frage der Kompensation“, meldet sich der schlaue Teil in meinem Gehirn:

Dir fehlt Entlastung, Resonanz und Nähe und mal ganz ehrlich, bist du nicht auch gerade richtig unzufrieden damit, wie alles läuft?“

Aber deshalb isst man doch nicht ständig Schokolade und Chips während des abendlichen Netflix Binge Watching, oder etwa doch?

Was die Forschung dazu sagt

Werfen wir doch einmal einen Blick in die Forschung:

Dieses Muster nennt man emotionales Essen und gerade hochsensible Menschen kennen es gut. Es wird als ein Verhalten beschrieben, bei dem die Nahrungsaufnahme nicht durch körperlichen Hunger, sondern durch emotionale Zustände gesteuert wird. Besonders Stress, Überforderung oder Einsamkeit erhöhen nachweislich die Wahrscheinlichkeit, zu stark zucker- oder fetthaltigen Lebensmitteln zu greifen.

Dieses Verhalten kann neurobiologisch durch die Aktivierung des Belohnungssystems erklärt werden. Hochkalorische Nahrung stimuliert dopaminerge Prozesse, die kurzfristig zu einer Verbesserung der Stimmung führen. Essen übernimmt damit eine regulierende Funktion, indem es unangenehme Gefühle vorübergehend abschwächt.

Das Blöde dabei ist, dass sich dieses Muster gleichzeitig verstärkt, wenn wir unser Essen wiederholt mit emotionaler Entlastung verknüpfen. Denn so steigt die Wahrscheinlichkeit, dass wir in ähnlichen Situationen immer wieder auf Super Caramel Nuts extra creamy Schokopower zurückgreifen.

Die gute Nachricht: Es mangelt dir also nicht an Disziplin.

Aber jetzt kommt der Haken: Dein Verhalten könnte darauf hindeuten, dass du mit dieser Strategie gekonnt deine Emotionen regulierst, weil du unerfüllte psychische Bedürfnisse hast.

Warum hochsensible Menschen besonders anfällig sind

Bevor wir überlegen, was wir jetzt am besten machen, um nicht täglich mit der Schokoladenfrau auf der Couch zu hocken, lass uns nochmal einen Blick auf die Hochsensibilität werfen:

Dein hochsensibles Ich verlässt morgens die Wohnung und geht direkt in den ultimativen Power Modus: Geräusche, Stimmungen, Gerüche, Gespräche…es geht sofort los und dein Gehirn ist on fire.

Du arbeitest, machst kaum Pause, bekommst die Konflikte der anderen auf dem Silbertablett serviert, weil du eine so gute Zuhörerin bist, fühlst dich davon geschmeichelt und genervt gleichzeitig….

Plötzlich dieser Gedanke: „Wie wäre es jetzt mit einem Kaffee und einem Plunderstückchen. Das könnte ich echt gut gebrauchen nach all der Anstrengung.“

Es ist gerade mal halb 10 Uhr morgens.

Die Schokoladenfrau in dir lächelt süffisant vor sich hin und begleitet dich zum Bäcker. Dort angekommen bist du schier überwältigt von den süßen Verlockungen. “Nimm dir noch ein Stück Kuchen für später mit“ flüstert sie „sieht doch keiner und außerdem weiß ja auch keiner, was du alles aushalten musst. Das hast du dir sowas von verdient. Immerhin bist du hochsensibel“

Stimmt, du hast es dir verdient: Du verdienst die kurze Auszeit, die du dir nimmst, wenn du zum Bäcker gehst. Du verdienst es, dass dich jemand unterstützt, du verdienst einen Moment der Ruhe und dein System zieht dich raus.

Das ist die gute Nachricht.

Dass das Ganze dann unmittelbar auf den Hüften landet, eher nicht.

Rauskommen braucht Geduld

Aber was jetzt? Wie kommen wir denn raus aus diesem Teufelskreis?

Ich sage dir ganz ehrlich: Es braucht Zeit und Geduld. Veränderung bedeutet zunächst einmal zu verstehen, was dich belastet und wo du gerade stehst. Sie bedeutet ehrliche Selbstreflektion und das ist alles andere als leicht.

In diesem Muster hast du schon früh gelernt, dass Essen beruhigt, dass es tröstet, dass es für gute Momente und für ein gutes Körpergefühl sorgt, weil es so lecker ist.

Es wirkt schnell, es ist jederzeit verfügbar, es ist leicht.

Warum also damit aufhören?

Dennoch sitzt häufig noch ein weiteres Mitglied deines inneren Teams mit auf der Couch: die Stimme in dir, die es halt leider kapiert hat. Sie ist jedoch ein Mobbingopfer der Schokoladenfrau und sitzt dadurch schüchtern in der Ecke. Dennoch weißt du ganz genau, dass sie da ist. Du kannst auch spüren, dass sie berechtigte Einwände hat. Sie ist dir aber oft zu nervig, zu komisch, zu anstrengend…also ignorierst du sie weg.

Der erste Schritt: wirklich hinschauen

Der erste Schritt ist daher bereits ein Meilenstein: Es ist die Bereitschaft wirklich hinzuschauen, etwas verändern zu wollen und das ist sau schwer. Wer lässt schon gerne das Törtchen für die Innenschau weg? Da müsste der Benefit schon riesig sein, oder?

Tatsächlich ist er das, denn es geht gar nicht darum, dass du plötzlich „perfekt isst“, oder dass du künftig einen großen Bogen um die Super Caramel Nuts extra creamy Schokopower machst.

Du kommst raus aus der Spirale aus Stress und Erschöpfung und merkst, wann etwas zu viel wird. Du nimmst deinen Körper wieder wahr und vor allem nimmst du ihn ernst. Du lernst deine Grenzen zu halten und beginnst damit, dir das zu geben, was du eigentlich brauchst. Das verändert mehr als nur dein Essverhalten.

Es verändert wie du durch deinen Alltag gehst und wie du mit dir selbst umgehst.

Wenn du dann zukünftig mit der Schokofrau auf der Couch rumlungerst, machst du das bewusst, voller Genuss und ohne schlechtes Gewissen.

Denn Essen ist dann wieder Essen und nicht die Lösung für alles, was sonst so schief läuft im Leben.

Tiefer einsteigen

Wenn du merkst, dass du dich in diesen Mustern wieder erkennst und genauer verstehen willst, was bei dir dahintersteckt, dann kann eine begleitete Auseinandersetzung richtig viel verändern.

Wenn du weitere Informationen zu diesem Thema möchtest oder dir eine Gesundheitsberatung wünschst, schreibe mir gerne eine Mail an:

info@sandra-agel.de

So, jetzt geh ich erstmal zum Bäcker. Hab ich mir verdient nach der ganzen Schreiberei 😉

Logo von Sandra Agel

Sandra Agel
Praxishaus am Weinberg
Herrnbergstraße 67
65201 Wiesbaden

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